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cd-rom film über hardturm 68 / foto- text reportage 1997 / foto text für modeheft 97 /








2000
geschichte über die harturmstrasse 66-68 für eine cd -rom produktion.
recherchen und produktion.
sprecherin daniela lüscher

zürichparis cd-rom









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foto/text spezial reportage über fashion in zürich für das fashion magazin x-ray ende 1997
umfang 9 seiten


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ernst, ta-media

foto reportage über das leben jugendlicher in lima /peru in der zeit des terrorismus.
ernst 8. januar 1997

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Ernst (Tages-Anzeiger);1997-01-08; Seite 6; Nummer 2

"Lima ist das Grösste"

Der Terror sei besiegt, verkündete vor ein paar Jahren der Staatspräsident von Peru. Die Bevölkerung in der Hauptstadt Lima atmete auf und hoffte auf friedliche Zeiten. Doch mit der dramatischen Geiselnahme Ende Dezember droht der Terrorismus wieder aufzuleben.

ERNST sprach in Lima mit Jungen über ihr Leben mit Bombenexplosionen.

Text Andreas R. Frieden / Marck
Fotos Marck


Carlo redet nicht viel, als wir mit einem klapprigen VW-Käfer-Taxi vom Flughafen Lima nach Maranga fahren. Die einzigen Geräusche sind das unablässige Gehupe draussen auf der Strasse und das Poltern und Ächzen unseres Taxis, das über Schlaglöcher holpert. Carlo redet nie viel. Jetzt erst recht nicht.

Ende Dezember wurde nach zwei, drei Jahren der Ruhe die japanische Botschaft in Lima von Terroristen besetzt. Das macht ihm Sorgen. Carlo heisst mit vollem Namen Carlo Martin Castillo. Er ist 21-jährig und wird zum Toningenieur ausgebildet. Er ist ein ruhiger, etwas schüchterner Junge. Sein jüngerer Bruder Jimmy Jesus Castillo ist 19-jährig und Kunststudent. Jimmy redet ununterbrochen, witzelt, stichelt und hat immer einen Spruch auf den Lippen. Die beiden wohnen mit ihren Eltern in Maranga, einem Mittelklasse-Quartier am Stadtrand, besitzen ein Haus, ein Auto, mehrere Fernseher und sie geniessen das Privileg studieren zu können. Alles wunderbar, glaubt man. Doch eitel Sonnenschein herrscht in ihrem Leben nicht. «Wir hatten ein ruhiges Leben, bis Anfang der 80er Jahre der Terrorismus begann.» Die Garage ihres Nachbarn sei von Terroristen der Organisation Sendero Luminoso, dem Leuchtenden Pfad, in die Luft gesprengt worden. In der ganzen Stadt hätten die Guerillas ihr Unwesen getrieben. «Sie fingen an, Strommasten in die Luft zu jagen. Immer an den Feiertagen. So sassen wir zum Beispiel an Weihnachten und Ostern bei Kerzenlicht zusammen und redeten - etwas anderes blieb uns nicht übrig.» Schutz hinter Mauern Wir haben die stadtauswärtsführenden Alleen hinter uns gelassen und treffen beim Haus der Castillos ein. Das heisst, wir stehen vor einer ziemlich hohen, mit einem Stacheldraht geschmückten Mauer. Jeder scheint hier eine Mauer um sein Haus gebaut zu haben. «Früher hatten wir das nicht nötig. Alle konnten unser Haus sehen und wir liessen nachts sogar die Tür offen», sagt Jimmy. In diesem Moment öffnet sich ein Tor in der Mauer und Vater Castillo steht vor uns. Ein merkwürdiges Bild: Da kommt ein Mann hinter einer Mauer hervor, die er zu seinem Schutz gebaut hat, und begrüsst uns Fremde so herzlich, als gehörten wir zur Familie. Wir werden vom offensichtlich stolzen Vater durch das Haus geführt und entdecken als erstes ein praktisch ungenutztes Wohnzimmer: «Wir halten uns selten bis nie in der Stube auf», sagt Señor Castillo. «Wir richten sie nur her, wenn wir Besuch empfangen. Das Leben findet eher in der Küche statt.» Die Castillos schlafen im zweiten Stock. Das Schlafzimmer ist des Peruaners Heiligtum. Es ist eine Ehre, wenn man in ein peruanisches Schlafgemach vorgelassen wird. Der dritte Stock dient als Aufenthaltsraum, vor allem für die Jugendlichen im Haus: Es hat Musikinstrumente, Videospiele und einen Billardtisch. Da es in Lima nicht regnet, hat dieser Raum auf der einen Seite kein Dach.

lima

Wenn Jimmy und Carlo auf ihren Instrumenten üben, tun sie das fast unter freiem Himmel. «Du kannst keinem vertrauen» Dass fremden Leuten Vertrauen entgegen gebracht wird, ist nicht selbstverständlich. Auch dann nicht, wenn die Leute entfernt mit der Familie zu tun haben. So stehen die ursprünglich fürs Personal gedachten Räume im dritten Stock immer noch leer. «Du konntest keinem vertrauen», sagt Jimmy. «Jeder und jede konnte zu ihnen gehören. Der Leuchtende Pfad hatte seine Leute überall eingeschleust.» Er erinnert sich an eine Geschichte, die er mit seiner Mutter in der Stadt erlebt hat: «1990, ein paar Tage vor den Wahlen, waren wir mit der Mutter in der Stadt. Kurze Zeit vorher drohten die Terroristen auf alle Wahllokale und öffentlichen Verkehrsmittel Anschläge zu verüben. Mama fragte einen Eisverkäufer, was er von dieser bedrohlichen Situation halte. Der Eisverkäufer war Mitglied des Leuchtenden Pfades und meinte, diese Aktion sei sehr wichtig und müsse unbedingt klappen. Er begann uns über seine Ideologie Auskunft zu geben, wie wenn nichts dabei wäre. Er war tagsüber Eisverkäufer, traf sich aber abends mit seinen «Camaradas» vom Leuchtenden Pfad um neue Gemeinheiten auszudenken.» Wenn Bomben explodierten, dann immer mehrere kurz hintereinander. Um 20.00 Uhr in der Bank, um 20.05 Uhr beim Fernsehsender zum Beispiel. Gewisse Banken traf es mehrmals in kurzer Zeit. «Die Menschen sind damals gestorben wie die Mäuse», erinnert sich Jimmy. Als Reaktion auf solche Aktionen sandte die Regierung Soldaten in die Stadt. Es wurden Ausgangssperren verhängt. Wer nach Mitternacht nicht zu Hause war, wurde im schlimmsten Fall erschossen. Nur Journalisten und Arbeiter, die zur Nachtschicht unterwegs waren, bekamen einen Ausweis, der sie von der Ausgangssperre befreite. «Einmal wurden drei betrunkene Jugendliche erschossen, weil sie nicht auf die Befehle der Soldaten hörten», sagt Jimmy. 1990 begannen die Terroristen Señor Castillo telefonisch zu erpressen. Sie drohten ihm, seine Söhne zu entführen. Der Vater kaufte sich ein Gewehr. Niemand durfte mehr telefonieren, weil das Telefon von den Terroristen abgehört wurde. «Wir konnten das Haus für einen Monat nicht mehr verlassen und durften auch keinen Besuch empfangen», erzählt Carlos. Sein Vater stellte drei Wächter an. «Es waren richtige Bodyguards, die uns rund um die Uhr beschützen mussten. Einer von denen stand den ganzen Tag schwer bewaffnet auf dem Dach. Jimmy und ich kriegten für den Schulweg extra eine Eskorte.» Nach diesem Monat war Ausgang wieder erlaubt. Die Angst jedoch verfolgte die beiden jungen Peruaner auf Schritt und Tritt. Die Familie glaubt, dass die Terroris-ten vom Leuchtenden Pfad von einem Mitarbeiter des Vaters - er arbeitet im Hafen von Lima - mit Informationen versorgt wurden. Nach Wochen der Zermürbung und der Abschottung begann man sich plötzlich an die Situation zu gewöhnen. Die tägliche Bedrohung wurde irgendwie normal. Die Leute gingen wieder in die Stadt. Man konnte nur hoffen, dass nichts passierte. Jimmy: «Einmal verliess ich mit dem Bus die Stadt und hörte hinter mir den Laden explodieren, in dem ich mir gerade eine neue Jeans gekauft hatte.» Doch sie sagten sich, dass das Leben weitergehe und sie möglichst ihren gewohnten Weg gehen müssten. Abends waren aber trotzdem nur private Partys angesagt: Die Jugendlichen feierten hauptsächlich bei Freunden, die in der Nähe wohnten und von wo aus man schnell und vor allem vor Mitternacht wieder zu Hause war. Aufatmen in Lima Im Jahr 1992 begann der neue Staatspräsident Alberto Fujimori das vom Terror verunsicherte und hoch verschuldete Land «auszumisten». Dazu stürzte er sozusagen seine eigene Regierung: Er entliess sämtliche Parlamentarier, wirkte einige Wochen als Diktator. Und er hatte Erfolg damit: Plötzlich waren neue Autos erhältlich, die Baubranche boomte und neue Lokale schossen wie Pilze aus dem Boden. Das für Lima typische Leben auf der Strasse blühte wieder auf. Fast gleichzeitig gelang ein vernichtender Schlag gegen die Guerillas: Abimael Guzman, der Anführer des Leuchtenden Pfa-des, wurde nach einer langen und gross angelegten Fahndung festgenommen. Im Vorfeld der Verhaftung veröffentlichte die Regierung TV-Spots und Plakate, die an den Wilden Westen erinnerten: Wer Guzman oder einen seiner Anhänger fasste, konnte bis zu einer Million Dollar verdienen.
Als sie Guzman sahen, wie er nach seiner Festnahme vor dem Regierungsgebäude in einem Käfig ausgestellt und der Lächerlichkeit preisgegeben wurde, hätten sie grosse Genugtuung erfahren, sagen Jimmy und Carlo und können sich auch Jahre danach ein Grinsen nicht verkneifen. «Das war eine Riesenshow», erinnert sich Jimmy. «Wir versammelten uns vor dem Fernseher und schauten zu, wie dieser für all die Angst verantwortliche Mann öffentlich gedemütigt wurde.» Ganz Lima atmete auf.



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Die Menschen verschmolzen zu einer glückseligen Einheit: Der Terror, der sie alle so belastete, schien beendet zu sein. Jetzt drohte dafür eine dauernde Gefahr seitens der Regierung. Denn wer ohne die obligatorische Identitätskarte unterwegs war, wurde automatisch für einen Terroristen gehalten und verhaftet. «Es wurden auch sehr viele Unschuldige eingesperrt, nur weil sie denselben Namen wie bestimmte Mitglieder des Leuchtenden Pfades hatten», so Jimmy. Trotz dieser Vergangenheit und der Geiselnahme in Lima Ende Dezember scheint sich bei ihnen die Angst vor einer neuerlichen Terrorherrschaft in Grenzen zu halten. Jimmy: «Natürlich bedrückt uns das Schicksal der Geiseln in der japanischen Botschaft. Doch die Vergangenheit war so schlimm, es kann trotz allem nur besser werden. Die Menschen haben neuen Lebensmut gefasst, den kann niemand so einfach abstellen.» Auf die Frage, ob sie ihr ganzes Leben in Lima verbringen wollen, sagt Carlo: «Wenn ich die Möglichkeit hätte, würde ich weggehen - vielleicht um zur Schule zu gehen. Aber leben könnte ich nirgendwo sonst. Lima ist das Grösste! Keine Stadt der Welt kommt an das Charisma von Lima heran.» Etwas verlegen fügt der 21-Jährige an: «Du musst eben hier geboren sein um so zu fühlen.»

jungs in lima

Kids zünden Bomben VON RETO WÜTHRICH

Jedes Mal wenn in Lima eine Bombe hochging, waren auch ein paar Kids am Zünder. Wenn Gewehrsalven einen Körper durchlöcherten, waren immer auch die Finger von 14- bis 16-jährigen Jugendlichen am Abzug. Terroristen hatten in Peru kein Mindestalter. Sie waren mitschuldig, dass in zwei Jahrzehnten rund 35000 Menschen Opfer von Terroranschlägen wurden. Für die Gewaltwelle, die Mitte der 70er Jahre aufbrach, waren vorab zwei Organisationen verantwortlich. Die eine nannte sich Leuchtender Pfad, die andere Tupac Amaru. Etwa die Hälfte der Mitglieder seien jeweils Jugendliche gewesen, schätzt der Journalist Ruedi Leuthold. Zum Beispiel solche, denen auch ein Uni-Abschluss keine Zukunft eröffnete, weil die Universitäten viel zu schlecht waren. Oder solche, die der grossen Armut wegen gar nie die Chance hatten, eine solche zu besuchen. «Viele Jugendliche wurden aber ganz einfach auch zum Mitmachen gezwungen», sagt Leuthold. Sie alle fanden sich in den harten Ausbildungscamps wieder, wo aus netten Buben kaltblütige Killer herangezüchtet wurden. Im Umfeld militärischer Strenge trichterten ihnen die Rebellen ihre Botschaften in den Kopf. Laut Leuthold seien ihnen dabei revolutionäre, aber auch politisch-militärische Leitsätze eingepflanzt worden. Diese etwas undurchsichtige Mischung sorgte dafür, dass nie ganz klar wurde, wofür die Guerilla-Organisationen wirklich einstanden. In ihren Anfängen waren die Mitglieder von Tupac Amaru eine Art moderner Robin Hood. Sie überfielen zum Beispiel Banken um das Geld angeblich in den Elendsvierteln Limas zu verteilen. Grundsätzlich waren die Ziele der beiden Organisationen die gleichen: Macht für die unterdrückten Menschen und bessere Lebensbedingungen für die Landbevölkerung. Gemeinsam war ihnen auch der Erfolg. «Gerade für die Jugendlichen wurden die rebellischen Organisationen attraktiv, weil sie Erfolg hatten», sagt Leuthold. «Wenn sie sagten, wir sprengen eine Brücke, dann taten sie das auch.» Von den Versprechungen der Regierung waren sie bislang bloss enttäuscht worden. Vor rund sechs Jahren standen die Aufständischen nahe vor ihrem Endziel: Sie wollten den Staat aus den Angeln heben, die Regierung stürzen, in öffentlichen Einrichtungen wie den Universitäten die Führung an sich reissen.

lima peru 1992

Wer im Weg stand, starb. Dass der Staat gegen aussen ein stetiger Unsicherheitsfaktor darstellte, lag auf der Hand. Nach 20 Jahren Terror hatte Peru 27 Milliarden Dollar Schulden, die Inflation war riesig, das Image der Wirtschaft am Boden. Die Bevölkerung war deshalb dankbar, als mit Alberto Fujimori einer für das Amt des Staatspräsidenten kandidierte, der mit dem Terror Schluss machen wollte. Er wurde gewählt und hielt sein Versprechen. In einer riesigen Säuberungsaktion liess er Tausende von Terroristen verhaften, verurteilen und hinter Gittern bringen. Das ging so rasant, dass auch viele Unschuldige in den Knast wanderten und noch heute dort ausharren müssen. Als mit Victor Polay Campos (Tupac Amaru) und Abimael Guzman (Leuchtender Pfad) auch die führenden Köpfe der Rebellen verhaftet wurden, schienen die beiden Guerilla-Organisationen endgültig zerstört. «Wir haben sie ausgerottet», frohlockte Fujimori. Dass das ein grosser Irrtum war, ist seit der aufsehenerregenden Geiselnahme in der japanischen Botschaft in Lima bekannt. Nach Jahren der Ruhe scheint der Terror von neuem aufzuleben. «Die Hungersnot und die Armut sind geblieben», sagt Ruedi Leuthold zu den Gründen. Viele Menschen sind unzufrieden, weil es ihnen nicht besser geht als vor 20 Jahren, als der Terror begann. So ist es denn auch kein Wunder, dass viele Menschen den Geiselnehmern in der japanischen Botschaft applaudierten. Der Terror geht vielleicht wieder von vorne los.

lima peru

Die aktuelle Lage Am 19. Dezember letzten Jahres haben schwer bewaffnete Rebellen in der peruanischen Hauptstadt Lima rund 500 Menschen als Geiseln genommen, die in der japanischen Botschaft zu einer Feier eingeladen waren. Unter ihnen befanden sich Politiker, Minister, Polizisten und Diplomaten. Momentan haben sie immer noch 74 Geiseln in ihrer Gewalt. Die Rebellen entpuppten sich als Mitglieder der totgeglaubten Terror-Organisation Tupac Amaru. Sie forderten mit ihrer Aktion die Freilassung von fast 500 Gesinnungsgenossen, die in peruanischen Gefängnissen sitzen. Zusätzlich verlangten sie bessere Haftbedingungen. Die meisten von ihnen liess vor drei Jahren der damals neue Staatspräsident Perus, Alberto Fujimori, verhaften. Mit einer riesigen Verhaftungswelle wollte er das Land innert kurzer Zeit von den Guerillas säubern lassen. Die bekanntesten Gefangenen sind Abimael Guzman, Chef der Terror-Gruppe Leuchtender Pfad, und Tupac-Amaru-Boss Victor Polay Campos, der von Anfang an bei den rebellischen Aktionen mit von der Partie war.
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