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ernst, ta-media
foto reportage über das leben jugendlicher in lima /peru in der
zeit des terrorismus.
ernst 8. januar 1997
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Ernst (Tages-Anzeiger);1997-01-08; Seite 6; Nummer 2
"Lima ist das Grösste"
Der Terror sei besiegt, verkündete vor ein paar Jahren der
Staatspräsident von Peru. Die Bevölkerung in der Hauptstadt Lima
atmete auf und hoffte auf friedliche Zeiten. Doch mit der
dramatischen Geiselnahme Ende Dezember droht der Terrorismus wieder
aufzuleben.
ERNST sprach in Lima mit Jungen über ihr Leben mit
Bombenexplosionen.
Text Andreas R. Frieden / Marck
Fotos Marck
Carlo redet nicht viel, als wir mit einem klapprigen VW-Käfer-Taxi
vom Flughafen Lima nach Maranga fahren. Die einzigen Geräusche sind
das unablässige Gehupe draussen auf der Strasse und das Poltern und
Ächzen unseres Taxis, das über Schlaglöcher holpert. Carlo redet
nie viel. Jetzt erst recht nicht.
Ende Dezember wurde nach zwei, drei Jahren der Ruhe die japanische
Botschaft in Lima von Terroristen besetzt. Das macht ihm Sorgen.
Carlo heisst mit vollem Namen Carlo Martin Castillo. Er ist
21-jährig und wird zum Toningenieur ausgebildet. Er ist ein
ruhiger, etwas schüchterner Junge. Sein jüngerer Bruder Jimmy Jesus
Castillo ist 19-jährig und Kunststudent. Jimmy redet
ununterbrochen, witzelt, stichelt und hat immer einen Spruch auf
den Lippen. Die beiden wohnen mit ihren Eltern in Maranga, einem
Mittelklasse-Quartier am Stadtrand, besitzen ein Haus, ein Auto,
mehrere Fernseher und sie geniessen das Privileg studieren zu
können. Alles wunderbar, glaubt man. Doch eitel Sonnenschein
herrscht in ihrem Leben nicht. «Wir hatten ein ruhiges Leben, bis
Anfang der 80er Jahre der Terrorismus begann.» Die Garage ihres
Nachbarn sei von Terroristen der Organisation Sendero Luminoso, dem
Leuchtenden Pfad, in die Luft gesprengt worden. In der ganzen Stadt
hätten die Guerillas ihr Unwesen getrieben. «Sie fingen an,
Strommasten in die Luft zu jagen. Immer an den Feiertagen. So
sassen wir zum Beispiel an Weihnachten und Ostern bei Kerzenlicht
zusammen und redeten - etwas anderes blieb uns nicht übrig.» Schutz
hinter Mauern Wir haben die stadtauswärtsführenden Alleen hinter
uns gelassen und treffen beim Haus der Castillos ein. Das heisst,
wir stehen vor einer ziemlich hohen, mit einem Stacheldraht
geschmückten Mauer. Jeder scheint hier eine Mauer um sein Haus
gebaut zu haben. «Früher hatten wir das nicht nötig. Alle konnten
unser Haus sehen und wir liessen nachts sogar die Tür offen», sagt
Jimmy. In diesem Moment öffnet sich ein Tor in der Mauer und Vater
Castillo steht vor uns. Ein merkwürdiges Bild: Da kommt ein Mann
hinter einer Mauer hervor, die er zu seinem Schutz gebaut hat, und
begrüsst uns Fremde so herzlich, als gehörten wir zur Familie. Wir
werden vom offensichtlich stolzen Vater durch das Haus geführt und
entdecken als erstes ein praktisch ungenutztes Wohnzimmer: «Wir
halten uns selten bis nie in der Stube auf», sagt Señor Castillo.
«Wir richten sie nur her, wenn wir Besuch empfangen. Das Leben
findet eher in der Küche statt.» Die Castillos schlafen im zweiten
Stock. Das Schlafzimmer ist des Peruaners Heiligtum. Es ist eine
Ehre, wenn man in ein peruanisches Schlafgemach vorgelassen wird.
Der dritte Stock dient als Aufenthaltsraum, vor allem für die
Jugendlichen im Haus: Es hat Musikinstrumente, Videospiele und
einen Billardtisch. Da es in Lima nicht regnet, hat dieser Raum auf
der einen Seite kein Dach.

Wenn Jimmy und Carlo auf ihren Instrumenten üben, tun sie das fast
unter freiem Himmel. «Du kannst keinem vertrauen» Dass fremden
Leuten Vertrauen entgegen gebracht wird, ist nicht
selbstverständlich. Auch dann nicht, wenn die Leute entfernt mit
der Familie zu tun haben. So stehen die ursprünglich fürs Personal
gedachten Räume im dritten Stock immer noch leer. «Du konntest
keinem vertrauen», sagt Jimmy. «Jeder und jede konnte zu ihnen
gehören. Der Leuchtende Pfad hatte seine Leute überall
eingeschleust.» Er erinnert sich an eine Geschichte, die er mit
seiner Mutter in der Stadt erlebt hat: «1990, ein paar Tage vor den
Wahlen, waren wir mit der Mutter in der Stadt. Kurze Zeit vorher
drohten die Terroristen auf alle Wahllokale und öffentlichen
Verkehrsmittel Anschläge zu verüben. Mama fragte einen
Eisverkäufer, was er von dieser bedrohlichen Situation halte. Der
Eisverkäufer war Mitglied des Leuchtenden Pfades und meinte, diese
Aktion sei sehr wichtig und müsse unbedingt klappen. Er begann uns
über seine Ideologie Auskunft zu geben, wie wenn nichts dabei wäre.
Er war tagsüber Eisverkäufer, traf sich aber abends mit seinen
«Camaradas» vom Leuchtenden Pfad um neue Gemeinheiten auszudenken.»
Wenn Bomben explodierten, dann immer mehrere kurz hintereinander.
Um 20.00 Uhr in der Bank, um 20.05 Uhr beim Fernsehsender zum
Beispiel. Gewisse Banken traf es mehrmals in kurzer Zeit. «Die
Menschen sind damals gestorben wie die Mäuse», erinnert sich Jimmy.
Als Reaktion auf solche Aktionen sandte die Regierung Soldaten in
die Stadt. Es wurden Ausgangssperren verhängt. Wer nach Mitternacht
nicht zu Hause war, wurde im schlimmsten Fall erschossen. Nur
Journalisten und Arbeiter, die zur Nachtschicht unterwegs waren,
bekamen einen Ausweis, der sie von der Ausgangssperre befreite.
«Einmal wurden drei betrunkene Jugendliche erschossen, weil sie
nicht auf die Befehle der Soldaten hörten», sagt Jimmy. 1990
begannen die Terroristen Señor Castillo telefonisch zu erpressen.
Sie drohten ihm, seine Söhne zu entführen. Der Vater kaufte sich
ein Gewehr. Niemand durfte mehr telefonieren, weil das Telefon von
den Terroristen abgehört wurde. «Wir konnten das Haus für einen
Monat nicht mehr verlassen und durften auch keinen Besuch
empfangen», erzählt Carlos. Sein Vater stellte drei Wächter an. «Es
waren richtige Bodyguards, die uns rund um die Uhr beschützen
mussten. Einer von denen stand den ganzen Tag schwer bewaffnet auf
dem Dach. Jimmy und ich kriegten für den Schulweg extra eine
Eskorte.» Nach diesem Monat war Ausgang wieder erlaubt. Die Angst
jedoch verfolgte die beiden jungen Peruaner auf Schritt und Tritt.
Die Familie glaubt, dass die Terroris-ten vom Leuchtenden Pfad von
einem Mitarbeiter des Vaters - er arbeitet im Hafen von Lima - mit
Informationen versorgt wurden. Nach Wochen der Zermürbung und der
Abschottung begann man sich plötzlich an die Situation zu gewöhnen.
Die tägliche Bedrohung wurde irgendwie normal. Die Leute gingen
wieder in die Stadt. Man konnte nur hoffen, dass nichts passierte.
Jimmy: «Einmal verliess ich mit dem Bus die Stadt und hörte hinter
mir den Laden explodieren, in dem ich mir gerade eine neue Jeans
gekauft hatte.» Doch sie sagten sich, dass das Leben weitergehe und
sie möglichst ihren gewohnten Weg gehen müssten. Abends waren aber
trotzdem nur private Partys angesagt: Die Jugendlichen feierten
hauptsächlich bei Freunden, die in der Nähe wohnten und von wo aus
man schnell und vor allem vor Mitternacht wieder zu Hause war.
Aufatmen in Lima Im Jahr 1992 begann der neue Staatspräsident
Alberto Fujimori das vom Terror verunsicherte und hoch verschuldete
Land «auszumisten». Dazu stürzte er sozusagen seine eigene
Regierung: Er entliess sämtliche Parlamentarier, wirkte einige
Wochen als Diktator. Und er hatte Erfolg damit: Plötzlich waren
neue Autos erhältlich, die Baubranche boomte und neue Lokale
schossen wie Pilze aus dem Boden. Das für Lima typische Leben auf
der Strasse blühte wieder auf. Fast gleichzeitig gelang ein
vernichtender Schlag gegen die Guerillas: Abimael Guzman, der
Anführer des Leuchtenden Pfa-des, wurde nach einer langen und gross
angelegten Fahndung festgenommen. Im Vorfeld der Verhaftung
veröffentlichte die Regierung TV-Spots und Plakate, die an den
Wilden Westen erinnerten: Wer Guzman oder einen seiner Anhänger
fasste, konnte bis zu einer Million Dollar verdienen.
Als sie Guzman sahen, wie er nach seiner Festnahme vor dem
Regierungsgebäude in einem Käfig ausgestellt und der Lächerlichkeit
preisgegeben wurde, hätten sie grosse Genugtuung erfahren, sagen
Jimmy und Carlo und können sich auch Jahre danach ein Grinsen nicht
verkneifen. «Das war eine Riesenshow», erinnert sich Jimmy. «Wir
versammelten uns vor dem Fernseher und schauten zu, wie dieser für
all die Angst verantwortliche Mann öffentlich gedemütigt wurde.»
Ganz Lima atmete auf.
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Die Menschen verschmolzen zu einer glückseligen
Einheit: Der Terror, der sie alle so belastete, schien beendet zu
sein. Jetzt drohte dafür eine dauernde Gefahr seitens der
Regierung. Denn wer ohne die obligatorische Identitätskarte
unterwegs war, wurde automatisch für einen Terroristen gehalten und
verhaftet. «Es wurden auch sehr viele Unschuldige eingesperrt, nur
weil sie denselben Namen wie bestimmte Mitglieder des Leuchtenden
Pfades hatten», so Jimmy. Trotz dieser Vergangenheit und der
Geiselnahme in Lima Ende Dezember scheint sich bei ihnen die Angst
vor einer neuerlichen Terrorherrschaft in Grenzen zu halten. Jimmy:
«Natürlich bedrückt uns das Schicksal der Geiseln in der
japanischen Botschaft. Doch die Vergangenheit war so schlimm, es
kann trotz allem nur besser werden. Die Menschen haben neuen
Lebensmut gefasst, den kann niemand so einfach abstellen.» Auf die
Frage, ob sie ihr ganzes Leben in Lima verbringen wollen, sagt
Carlo: «Wenn ich die Möglichkeit hätte, würde ich weggehen -
vielleicht um zur Schule zu gehen. Aber leben könnte ich nirgendwo
sonst. Lima ist das Grösste! Keine Stadt der Welt kommt an das
Charisma von Lima heran.» Etwas verlegen fügt der 21-Jährige an:
«Du musst eben hier geboren sein um so zu fühlen.»

Kids zünden Bomben VON RETO WÜTHRICH
Jedes Mal wenn in Lima eine Bombe hochging, waren auch ein paar
Kids am Zünder. Wenn Gewehrsalven einen Körper durchlöcherten,
waren immer auch die Finger von 14- bis 16-jährigen Jugendlichen am
Abzug. Terroristen hatten in Peru kein Mindestalter. Sie waren
mitschuldig, dass in zwei Jahrzehnten rund 35000 Menschen Opfer von
Terroranschlägen wurden. Für die Gewaltwelle, die Mitte der 70er
Jahre aufbrach, waren vorab zwei Organisationen verantwortlich. Die
eine nannte sich Leuchtender Pfad, die andere Tupac Amaru. Etwa die
Hälfte der Mitglieder seien jeweils Jugendliche gewesen, schätzt
der Journalist Ruedi Leuthold. Zum Beispiel solche, denen auch ein
Uni-Abschluss keine Zukunft eröffnete, weil die Universitäten viel
zu schlecht waren. Oder solche, die der grossen Armut wegen gar nie
die Chance hatten, eine solche zu besuchen. «Viele Jugendliche
wurden aber ganz einfach auch zum Mitmachen gezwungen», sagt
Leuthold. Sie alle fanden sich in den harten Ausbildungscamps
wieder, wo aus netten Buben kaltblütige Killer herangezüchtet
wurden. Im Umfeld militärischer Strenge trichterten ihnen die
Rebellen ihre Botschaften in den Kopf. Laut Leuthold seien ihnen
dabei revolutionäre, aber auch politisch-militärische Leitsätze
eingepflanzt worden. Diese etwas undurchsichtige Mischung sorgte
dafür, dass nie ganz klar wurde, wofür die Guerilla-Organisationen
wirklich einstanden. In ihren Anfängen waren die Mitglieder von
Tupac Amaru eine Art moderner Robin Hood. Sie überfielen zum
Beispiel Banken um das Geld angeblich in den Elendsvierteln Limas
zu verteilen. Grundsätzlich waren die Ziele der beiden
Organisationen die gleichen: Macht für die unterdrückten Menschen
und bessere Lebensbedingungen für die Landbevölkerung. Gemeinsam
war ihnen auch der Erfolg. «Gerade für die Jugendlichen wurden die
rebellischen Organisationen attraktiv, weil sie Erfolg hatten»,
sagt Leuthold. «Wenn sie sagten, wir sprengen eine Brücke, dann
taten sie das auch.» Von den Versprechungen der Regierung waren sie
bislang bloss enttäuscht worden. Vor rund sechs Jahren standen die
Aufständischen nahe vor ihrem Endziel: Sie wollten den Staat aus
den Angeln heben, die Regierung stürzen, in öffentlichen
Einrichtungen wie den Universitäten die Führung an sich
reissen.

Wer im Weg stand, starb. Dass der Staat gegen aussen ein stetiger
Unsicherheitsfaktor darstellte, lag auf der Hand. Nach 20 Jahren
Terror hatte Peru 27 Milliarden Dollar Schulden, die Inflation war
riesig, das Image der Wirtschaft am Boden. Die Bevölkerung war
deshalb dankbar, als mit Alberto Fujimori einer für das Amt des
Staatspräsidenten kandidierte, der mit dem Terror Schluss machen
wollte. Er wurde gewählt und hielt sein Versprechen. In einer
riesigen Säuberungsaktion liess er Tausende von Terroristen
verhaften, verurteilen und hinter Gittern bringen. Das ging so
rasant, dass auch viele Unschuldige in den Knast wanderten und noch
heute dort ausharren müssen. Als mit Victor Polay Campos (Tupac
Amaru) und Abimael Guzman (Leuchtender Pfad) auch die führenden
Köpfe der Rebellen verhaftet wurden, schienen die beiden
Guerilla-Organisationen endgültig zerstört. «Wir haben sie
ausgerottet», frohlockte Fujimori. Dass das ein grosser Irrtum war,
ist seit der aufsehenerregenden Geiselnahme in der japanischen
Botschaft in Lima bekannt. Nach Jahren der Ruhe scheint der Terror
von neuem aufzuleben. «Die Hungersnot und die Armut sind
geblieben», sagt Ruedi Leuthold zu den Gründen. Viele Menschen sind
unzufrieden, weil es ihnen nicht besser geht als vor 20 Jahren, als
der Terror begann. So ist es denn auch kein Wunder, dass viele
Menschen den Geiselnehmern in der japanischen Botschaft
applaudierten. Der Terror geht vielleicht wieder von vorne los.

Die aktuelle Lage Am 19. Dezember letzten Jahres haben schwer
bewaffnete Rebellen in der peruanischen Hauptstadt Lima rund 500
Menschen als Geiseln genommen, die in der japanischen Botschaft zu
einer Feier eingeladen waren. Unter ihnen befanden sich Politiker,
Minister, Polizisten und Diplomaten. Momentan haben sie immer noch
74 Geiseln in ihrer Gewalt. Die Rebellen entpuppten sich als
Mitglieder der totgeglaubten Terror-Organisation Tupac Amaru. Sie
forderten mit ihrer Aktion die Freilassung von fast 500
Gesinnungsgenossen, die in peruanischen Gefängnissen sitzen.
Zusätzlich verlangten sie bessere Haftbedingungen. Die meisten von
ihnen liess vor drei Jahren der damals neue Staatspräsident Perus,
Alberto Fujimori, verhaften. Mit einer riesigen Verhaftungswelle
wollte er das Land innert kurzer Zeit von den Guerillas säubern
lassen. Die bekanntesten Gefangenen sind Abimael Guzman, Chef der
Terror-Gruppe Leuchtender Pfad, und Tupac-Amaru-Boss Victor Polay
Campos, der von Anfang an bei den rebellischen Aktionen mit von der
Partie war.
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